„Flüchtlingskrise“ – Hinter jeder Flucht steckt eine Krise

Am Donnerstag, den 11.10.18 las der freie Journalist Philipp Hedemann aus Berlin vor Schülern der 9. und 10. Jahrgangsstufe am Friedrich-Alexander-Gymnasium in Neustadt aus seinen Reportagen, die in dem Buch „Die Füchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert“ zusammen mit Reportagen anderer Journalisten im Pantheon-Verlag erschienen sind. Herausgeber dieses Buches ist Marc Engelhardt.

Warum verlassen Flüchtende ihr Zuhause? Welche Krisen treiben sie dazu, ihr bisheriges Leben aufzugeben und alles hinter sich zu lassen? Diese Frage versuchte Philipp Hedemann in seinem Vortrag zu beantworten, in dem er drei verschiedene Schicksale vorstellte, die stellvertretend für die ca. 60 Millionen Menschen stehen, die weltweit auf der Flucht sind.

Da ist Ameena, eine ehrgeizige Lehrerin aus Nordsyrien, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland geflohen ist. Weil der Islamische Staat immer näher rückte und die Bombardierungen ihres Heimatortes zunahmen, flüchtete erst ihr Ehemann mit den beiden größeren ihrer vier Kinder. In seiner Familie waren zu diesem Zeitpunkt bereits 26 Tote zu beklagen (und die Zahl stieg weiter an). Sie hofften, dass die Älteren die Strapazen der Flucht eher würden bestehen können, und tatsächlich überlebten sie die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer und erreichten Deutschland. Ameena hoffte darauf, über den Familiennachzug sicher nachkommen zu können. Da die Lage zuhause aber immer lebensbedrohlicher wurde, entschied sie, doch noch selbst mit ihren beiden kleineren Kindern zu fliehen. Nachdem sie unter großer Gefahr die Türkei und dann das Meer erreicht hatte, scheiterte ihre Überfahrt zunächst daran, dass kurz nach der Abfahrt der Bootsmotor ausfiel. Die Flüchtenden konnten zurück an Land paddeln. Froh, überlebt zu haben, entschied sich Ameena, nach Syrien zurückzukehren: Lieber wolle sie mit ihren Kindern in der Heimat sterben als mit ihnen auf dem Meer zu ertrinken. Doch die Schleuser kümmerte das nicht, sie zwangen die Flüchtenden auf ein anderes Boot. Dieses Mal klappte die Überfahrt und sie und ihre Kinder erreichten die griechische Insel Kos. Von dort aus gelangten auch sie nach Deutschland; inzwischen ist die Familie wieder vereint. Alle haben schnell die deutsche Sprache gelernt; die Kinder gehen nun in die Schule bzw. Kindergarten und Ameena macht ein Aufbaustudium, um selbst wieder als Lehrerin arbeiten zu können.

Doch nicht alle Geschichten verlaufen so glücklich: Ali, ein Polizist aus dem Irak, musste fliehen, weil maskierte Männer ihn und seine Familie töten wollten. Er hatte bei einer Autokontrolle Verdächtige festnehmen lassen, die ein Attentat geplant hatten. Er ist überzeugt, dass es sich um Männer des Islamischen Staats handelte. Um zu überleben, musste er mit seinen vier Kindern untertauchen – seine Frau war bereits zwei Jahre zuvor gestorben. Doch Ali war trotzdem nicht sicher und floh in die Türkei, von wo aus er zu seiner Schwester in die Schweiz weiterwollte. Menschenschmuggler zeigten ihm dort Bilder von großen, sicheren Booten und versprachen, ihn sicher nach Griechenland zu bringen. Ali bezahlte 8000 Euro für sich und seine Kinder. Doch am Strand lag nur ein altes, kleines Boot, in das der Familienvater nicht einsteigen wollte. Die Schleuser zwangen ihn mit der Pistole im Rücken auf das Boot. Auf der Hälfte der Strecke fiel der Motor aus und Wasser gelangte in das Boot. Ali versuchte verzweifelt, seine jüngsten Kinder über Wasser zu halten. Als nach Stunden ein Rettungsboot der griechischen Küstenwache eintraf, waren die Kinder völlig entkräftet; sie hatten viel Wasser geschluckt. Während er seine jüngste Tochter reichte, entglitt ihm sein Sohn. In der Dunkelheit konnte er nicht gefunden werden, obwohl die Rettungskräfte immer wieder das Meer mit Schweinwerfern absuchen. Bis heute ist sein Leichnam nicht wieder aufgetaucht. Auch seine jüngste Tochter starb; sie war in Alis Armen noch vor der Rettung ertrunken, ohne dass Ali es gemerkt hatte. Ali lebt mit seinen beiden älteren Kindern heute in Chemnitz. Die Familie ist durch diese Erlebnisse stark traumatisiert.

Auch Yordanos floh, um zu überleben, nämlich vor der Diktatur in Eritrea. In diesem Land werden sowohl Jungen als auch Mädchen zum Militärdienst gezwungen, sobald sie 18 Jahre alt sind. Viele sterben beim Militär, entweder im Kriegseinsatz oder weil sie dort misshandelt werden. Sind die jungen Leute erst einmal kaserniert, gibt es keinen Ausweg mehr – viele müssen dann lebenslänglich Soldaten sein. Kasernen sind strengstens bewacht, weshalb viele Jugendliche aus dem Land fliehen, bevor sie eingezogen werden können; so auch Yordanos. Dabei ist die Flucht durch die Sahara extrem gefährlich, vor allem für Frauen: Entführungen zum Zweck des Organhandels und zu Erpressungen sind ebenso an der Tagesordnung wie Vergewaltigungen. Sie lebt heute in der Schweiz und würde gerne Altenpflegerin werden, doch scheiterte dies an ihrem Aufnahmetest in Deutsch, den sie nicht bestanden hatte – obwohl sie ihre praktischen Fähigkeiten überzeugend unter Beweis gestellt hatte. Bürokratische Hürden verhindern häufig, dass die Abschlüsse und Fähigkeiten der Geflüchteten in Europa anerkannt werden.

 

Der Journalist appellierte an die Zuhörer, auf Geflüchtete zuzugehen. So könne man ihnen helfen, ihre persönlichen Krisen, die sie zur Flucht gezwungen haben und die sie auf der Flucht erlebt haben, zu bewältigen.

Viele Geflüchteten möchten gerne in ihre Heimatländer zurückkehren, sobald es die dortige Lage erlaubt. Wenn dies irgendwann der Fall sein wird, werden sie verändert aus Europa zurückkommen. Sie werden z.B. die Gleichberechtigung von Mann und Frau erlebt haben. Oder sie werden erfahren haben, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung auch beinhaltet, dass ein Schüler das, was ihm sein Lehrer sagt, in Frage stellen darf. Aber sie werden auch die Menschen der aufnehmenden Länder verändert haben. Gelingt es, friedlich zusammen zu leben, dann kann die Flüchtlingsrevolution die Welt zum Besseren verändern, so Hedemann.

Philipp Hedemann verstand es, sein Publikum zu fesseln und zu berühren. Das zeigte sich auch daran, dass die Schüler seinen Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit und konzentrierter Stille folgten. Im Anschluss an seinen Vortrag hatten die Schüler noch Gelegenheit, Fragen zu stellen, wovon sie rege Gebrauch machten.

Dorothea Reus