„Ein großes Gefühl von Freiheit“

Der Autor Oliver Lück begeistert am Friedrich-Alexander-Gymnasium für ein geeintes Europa und menschliche Begegnungen

Gerade in Zeiten von Fremdenfeindlichkeit, „Brexit“ und radikalisierten Separatisten warb der Journalist und „Geschichtensammler“ Oliver Lück am Mittwoch, den 12.12.2018, vor insgesamt 250 Schülerinnen und Schülern der 10. Klassen und der Q11 für eine andere Sicht auf Europa. Mit beeindruckenden Bildern zeigte der Autor von zahlreichen Reportagen und Kolumnen bei Geo, Spiegel online und im NDR, dass Europa, in dem es „so viele Länder auf so wenig Platz“ gibt, „wild“, „weit“ und „bunt“ ist.

Nach seinem Abitur 1992 suchte Lück, wie so viele junge Erwachsene, Abwechslung und Abenteuer in der Ferne: Möglichst weit weg und möglichst exotisch mussten die Reisen sein, z.B. nach Indien und Hongkong. Erst seit 1996 besann er sich dann auf die Nähe und entschloss sich, in seiner ersten Reise mit einem VW- Bus alle Länder entlang der Küstenlinie von Schleswig- Holstein aus gen Süden zu besuchen. Vier Monate lang war er dazu unterwegs, nur begleitet von seiner Hündin Locke.  16.000 Kilometer hat ihn dieser Weg abseits aller Touristenmassen zu unberührten, unerwarteten Naturschönheiten geführt - und v.a. auch zu beeindruckenden Menschen in allen Nationen. Diesen Menschen und ihren Geschichten eine Sprache zu geben, ihren Träumen und ihren Anliegen Ausdruck zu verleihen – und dabei auch eine Projektionsfläche für die eigenen, doch auch sehr ähnlichen Anliegen zu finden, das ist seitdem sein Hauptanliegen – und es gelingt ihm auch vor dem jungen Neustädter Publikum meisterhaft.

Lück entführt die Jugendlichen mit seinen unglaublichen Reisefotos – mittlerweile hat er gut 50.000 Reisekilometer mit seinem Bulli zurückgelegt- zu den Klängen der samischen Sängerin Mari Moine in die Wildnis Estlands, wo man noch „einen Elch beim Joggen sehen“  und wo man bei der in Deutschland völlig unbekannten Sportart „Kiiking“, dem Extremschaukeln, ungeahnte Höhenflüge erleben kann. Der charismatische Journalist zeigt, wie noch heute in einer riesigen alljährlichen Chor- Konvention, bei der etwa 60.000 Menschen gemeinsam singen, in diesem Staat an die „Singenden Revolution“ von 1991 erinnert wird, also an das gewaltfreien Aufbäumen gegen die Zwangsherrschaft  der UdSSR und den Weg in die politische Freiheit und Unabhängigkeit des Landes.

Europa ist bunt, egal, ob es auf der Plantage eines Chili- Bauern im Baskenland, in der „Game of Thrones“- Allee in Nordirland oder ob es im Garten der Lettin Biruta ist, die tagtäglich den angeschwemmten Müll an ihrem Strand an der Ostsee einsammelt und aus diesen Bojen, Plastikflaschen oder gar Zahnbürsten kreative Kunstwerke erschafft.

 Ja, zerbrechlich ist dieses Europa und zerstörerisch gehen wir mit unseren Naturschönheiten um, wie Lück an beeindruckenden Geschichten von einsamen Goldsuchern in Nordlappland erzählt, die mit ihren Baggern auf der Suche nach dem großen Goldglück ganze Landstriche auf Jahrzehnte hin verwüsten. Gerade die Ostsee hat es Lück angetan, die von vielen Anrainerstaaten als „die größte Müllkippe Europas“ missbraucht wird und keiner dabei bedenkt, dass „alles, was man hineinwirft, im Baltikum wieder herauskommt“. Aus dieser  Tatsache hat Lück jedoch auch wieder kreativ die Idee für sein neuestes Buch „Flaschenpostgeschichten“ entwickelt: Aus den angeschwemmten Anliegen und Sorgen, Grüßen und Wünschen hat er die Menschen zu diesen in die Ostsee geworfenen Flaschen gesucht und dabei festgestellt, dass es ein weitgespanntes „Flaschenpost-Netzwerk“ über alle Ländergrenzen hinweg entlang der Ostseeküste gibt.

Dass Europa und seine Vielfalt an Sprachen aber auch ausgesprochen witzig sein kann, zeigt der Journalist an seiner Sammlung der kuriosesten Übersetzungsfehler auf mehrsprachigen Schildern: So sollte man auf dem Fels von Gibraltar „Die Affen nicht futtern!“ und auch den türkischen Schilderratschlag „Help yourself – grill yourself!“ besser nicht befolgen…

Mit Bildern von Rentierherden in Schweden, dem Nordlicht auf den Lofoten oder der Geschichte einer professionellen nordirischen Geschichtenerzählerin wirbt Oliver Lück bei den Jugendlichen dafür, sich nicht in den Taumel der digitalen Welt zu flüchten: „Schaut über euer Handydisplay hinaus! Geht auf die spannende Reise der Begegnung mit euch selbst – und traut euch, in Kontakt mit anderen Menschen zu treten, denn sie haben Spannendes zu berichten!“ – und dies gilt nicht nur für alltägliche Begegnungen im kleinen sozialen Umfeld, sondern auch innerhalb Deutschlands und über die europäischen Ländergrenzen hinweg.

 

Text: WUE

Fotos: FÜR