Fachprofil Kunsterziehung: Was ist Kunst? Wozu taugt sie?

 

Einleitung: Schüler und Kunst

Für mich als Kunsterzieherin stellt sich immer wieder die Frage, warum Schüler und sicherlich auch Erwachsene dem Fach Kunsterziehung mit so viel Skepsis begegnen.
Ich beruhige mich dann mit der psychologischen Antwort, dass alles Unbekannte, schwer Fassbare das menschliche Grundgefühl Angst hervorruft.
Aber sich das einzugestehen ist nicht gerade eine menschliche Wesensart, dieses Gefühl verpackt man eher in Abwertungen und Ablehnungen, so stelle ich mich häufig den Angriffen: ,,Kunst ist Luxus'' oder ,,Kunst kommt von Können und ich konnte schon in der Grundschule nicht malen!'' oder ,,Eine Fünf in Kunst? - Das stört meine Eltern nicht, Kunst ist doch kein Vorrückungsfach (Ist es doch! Anmerkung der Verfasserin).''
Aber mir begegnen auch tagtäglich die Begeisterung der Unterstufenschüler und deren natürlicher Enthusiasmus am narrativ - bildnerischen Tun.
In der Mittelstufe wird das Verhältnis schon wieder schwieriger. Erste Frustrationserlebnisse trüben die Kunstbegeisterung: Das gewünschte, entwicklungsbedingte Streben nach realitätsgetreuen Abbildungen und der leidvollen Erkenntnis, dass dies nur außerordentlichen zeichnerischen Begabungen ad hoc gelingt, und den anderen geht ein mühevoller Übungsweg voraus, auf welchem einige, aufgrund fehlenden Ausdauervermögens, scheitern.
In der Oberstufe, in welcher die Schüler in ihrer Kritikfähigkeit den Höhepunkt erlangen und nicht selten die Grenze zum Nihilismus überschreiten, trennt die ,,Kunstgemeinde'' den Spreu vom Weizen. Die Einen sagen dem Fach Kunst ,,Tschüß'' und wenden sich ab, die Pragmatiker entscheiden nach dem geringeren Übel und eine kleine Minderheit dringt zum wahren Wesen und Verdienst der Kunst vor, welcher in der Abiturrede einer Schülerin ihren Widerhall findet:......,,... Vor allem im Bereich der Kunst wurde uns so einiges mit auf den Weg gegeben...nicht nur die wissenschaftlichen Aspekte, sondern sicherlich auch einen Einblick in die Kunst...., denn so wurde uns auf anschauliche Weise Kritikfähigkeit gelehrt: die Fähigkeit, nicht alles so hinzunehmen, wie es ist, sondern zu hinterfragen und zu diskutieren. Gerade über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Gleichzeitig bot uns der Kunstunterricht Eindrücke von Individualität, von Freiheit des Einzelnen, die zu respektieren ist. So haben wir gelernt, dass man auch einzelne Menschen so nehmen muss wie sie sind, um mit ihnen auskommen zu können.
...wir sind auf die Informationsüberflutung unserer Tage aufmerksam gemacht worden.''

 

Einige Thesen zur Reflektion

Unbestritten ist Kunst das Fach, das die schöpferischen Potenziale von Kindern und Jugendlichen besonders fördert, und jeder weiß wie wichtig die Förderung dieser Potenziale ist, auch und gerade für die Persönlichkeitsentwicklung und, eng damit verbunden, für die spätere Berufsfindung und Berufsausübung.

 

Kunst fördert

  • berufliche Schlüsselkompetenzen wie Kreativität, Teamfähigkeit, Sozialkompetenz, Problemlösungsstrategien
  • Kreativität

    Warum versucht man dieses Fach zugunsten rein kognitiver Komponenten zurückzudrängen?
    Ein Klagelied, welches zudem viele Wirtschaftsexperten anstimmen, die sich einen kreativeren Nachwuchs wünschen.
    Schon lange weiß man, dass Denken und Wahrnehmen nicht getrennt voneinander funktionieren können.
    Verstandesmäßige Erkenntnisweisen sind auf Vorstellungsbilder angewiesen.
    Die Kunsterziehung ist bislang das einzige Fach, das sich explizit mit der Herstellung und Wirkung von Bildern befasst und zu einer besonderen Bildkompetenz qualifizieren kann.
    Sie dient somit u.a. der Ausprägung anschaulich-ästhetischen Denkens. Während in anderen Schulfächern Bilder als anschauliche Hilfsmittel eher eine dienende Funktion der Informationsübermittlung übernehmen, geht es im Kunstunterricht darum, Bilder in ihrer Doppelfunktion als Informationsträger und ,,autonome'' ästhetische Objekte kennen zu lernen, sowie eigene Bildsprachen zu entwickeln und dabei dem Aspekt des Künstlerischen besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
    So üben wir in Kunst auch allgemeingültige Verfahrensregeln im Umgang mit Bildmaterial ein, wie z.B. BEOBACHTUNG, UNTERSUCHUNG, AUSLEGEN UND INTERPRETIEREN.
  • Teamfähigkeit, Sozialkompetenz, Problemlösungsstrategien

    Ein herausragendes Merkmal des Kunstunterrichtes ist sein Werkstattcharakter: Innerhalb der regulären Schulzeit organisieren wir Kunsterzieher Handlungsspielräume für individuelle und projektartige Lernvorhaben, die heranwachsende auch zur Gruppenarbeit anregen und ihren Teamgeist (z.B. siehe bei unserer Säulengestaltung LINK) wecken.
    Zudem verläuft die künstlerische oder zweckgebundene Arbeit zu einer Rahmenthematik in meinem Unterricht häufig in projektartiger Form, weil Schülerinnen und Schüler dann aufgefordert sind, inhaltliche Vorgaben mit persönlichen Ideen zu füllen und davon ausgehende eigene Vorhaben in Angriff zu nehmen.
    Ideenfindung, Entwurfsarbeit, Realisation und Präsentation sind aufeinander abzustimmen und zu einem Gesamtkomplex zu verbinden, welcher die Benotungsgrundlage darstellt. Kunst fordert und fördert als Fach nicht nur Einzelleistungen, sondern weckt ebenso die Bereitschaft junger Menschen zu handlungsorientierter Zusammenarbeit. Es trägt somit zu sozialen Lernprozessen auf der Basis gegenseitiger Achtung und Anerkennung bei.
    So machen Schüler im fortlaufenden Unterrichtsgespräch die Erfahrung, dass sich ihre subjektiven Sehweisen vielfach wechselseitig ergänzen und immer näher an ein Werk heranführen.
    Diese Aspekte halten die jungen Menschen zu Toleranz, zu Einfühlungsvermögen an und befähigen sie zu Achtung oder auch Wertschätzung kultureller Andersartigkeit.

Eng damit verbunden fördert Kunsterziehung fächerverbindendes Arbeiten sehr gut, denn es umfasst mehrere komplex strukturierte Lernfelder. In den drei Lernfelder ,,Kunst-gestaltete Umwelt-Massenmedien'' sind zahlreiche Wissenskomponenten aus der Kunst-, und Menschheitsgeschichte, den Natur-, und Geisteswissenschaften integriert, z.B.:

  • Erklärung des menschlichen Sehvorgangs (Biologie)
  • historische, weltanschauliche und soziokulturelle Entwicklung in Bezug auf das Verständnis früherer Kunstepochen.


Ästhetische Kompetenz = die wahrnehmungsbezogene Ausdrucks-, und Erkenntnisfähigkeit als Grundlage einer umfassenden Sinnesbildung

Im Rahmen der Pisa-Studie erlangt dieser Kompetenzbereich einen enormen Stellenwert in der Bildungspolitik.
In der Kunstvermittlung gelingt es dem Menschen subjektive Wahrnehmungen zu ermöglichen, die auf den Wegen der Empfindung, Gestaltung und Erkenntnis den Schülern differenzierte Zugänge zur Wirklichkeit und zur Kunst erlauben.
Wir versuchen ein Aufbrechen der verfestigten Sehgewohnheiten zu erreichen.
Solche Neuorientierungen können etwa bei der Begegnung mit ungewöhnlichen Kunstwerken, ebenso aber auch bei der kreativen Eigenproduktion in Gang gesetzt werden.
Dies geschieht sobald gestalterisch-handwerkliche Geschicklichkeiten in engen Kontakt mit anderen Sinnestätigkeiten zu entwickeln sind. Den Händen, die etwas neu zu ,,erfassen'' und zu ,,entdecken'' suchen, dem Tastsinn der Haut, der etwas intensiver ,,spüren'' und ,,fühlen'' kann, und den Bewegungen des ganzen Körpers, der bei der künstlerischen Arbeit vielfach zu einer konzentrierten, hin und wieder aber auch spontaneren ,,Motorik'' herausgefordert wird.
Kunst weckt also Aufmerksamkeit für eine mehrsinnige Wahrnehmung und erlangt beinahe therapeutischen Ansatz, wenn man bedenkt, dass Ärzten in ihren Vorsorgeuntersuchungen verstärkt Mängel im motorischen Bereich der Kinder feststellen.


Medienkompetenz in der sogenannten Multimediagesellschaft

Sich den Herausforderungen der Mediengesellschaft zu stellen und der anwachsenden ,,Bilderflut'' mit wachsender Kompetenz zu begegnen, stellt eine dringliche Bildungsaufgabe dar.
Denn ich habe festgestellt, dass trotz aller Reife der Kinder und Jugendlichen im Umgang mit Computern dennoch erst die Fähigkeit erworben werden muss, das Manipulative, das Ästhetische und jeweilige Qualität elektronisch erzeugte Bildproduktion erkennen zu können.
Wer sieht es den Bildern schon an, wie sie hergestellt worden sind? Somit ist die Kunst für die Vermittlung eines fundierten Bildwissens zuständig, das über die Wirkungsästhetik des (Ab-) Bildes aufklärt - warum Bilder z.B. die Sinne täuschen, betäuben oder aufwecken können, warum sie wie Menschen fehlbar oder ,,wahrhaftig'' sind, warum sie ,,lügen'' oder ,,Wahrheiten'' mitteilen können.
Die Kunst muss auch Gegenpole setzen und eine medienkritische Sensibilität auf der Grundlage sinnlicher Primärerfahrungen (z.B. Arbeiten mit Ton) setzen. Die Wahrnehmungsvorgänge entschleunigen (wir betrachten und analysieren ein Kunstwerk auch schon mal' 90 Minuten), sowie die Entwicklung eines reflektierten und kreativen Umgangs mit den Neuen Medien.

psychoemotionale Erfahrungen die Persönlichkeitsbildend sein können

Individuellen Erlebnissen, Wahrnehmungen und Vorstellungen mit ästhetisch-künstlerischen Mitteln Ausdruck zu verleihen, dafür sich Fertigkeiten anzueignen und geeignete Gestaltungsmöglichkeiten zu finden, dies kann für Schülerinnen und Schüler eine ungemein wichtige, persönlichkeitsbildende Herausforderung sein.
Je intensiver sich junge Menschen mit individuellen Ausdrucksmöglichkeiten befassen, desto eher lassen sie sich auch mit sozialen Gestaltungsproblemen konfrontieren die auf Schule und Gesellschaft bezogen sind und dabei vor allem auch der Entwicklung natur-, und sozialverträglicherer Lebensverhältnisse.
Dazu ein Zitat von Gerd Selle : 1998, S.109:,,...,,ästhetische Intelligenz'' ist der Begriff, den ich zur Bezeichnung der Kompetenz des Subjekts benutze sich aus dem Raum der Verpflichtungen zur Rationalität (welcher Art auch immer) zu entfernen (...) Ästhetische Intelligenz vermittelt zwischen Wahrnehmung, Imagination (...) oder dem Traum und einfallenden Sinnprojektionen der Erfahrung. Sie ist somit integraler Bestandteil der Arbeit an der inneren Biographie (...).
Für die Schule erscheint sie nutzlos (...). Aber eben das macht sie für das Subjekt, das selbstständig lernen und leben will unverzichtbar. Der künstlerische Schaffensprozess = eine besondere Form einer produktiven Lebenserfahrung.''

Schlusskonsequenz

Aufgrund der erweiterten Aufgaben verdient das Fach Bildende Kunst eine Erhöhung der Anteile in den Stundentafeln, aber stattdessen geschieht folgendes, was Hans Krieger in einem Kulturkommentar so formuliert: ,,...es ist ein aberwitziger Irrglaube, zu meinen, man könne eine Bildungswesen für das 21.Jahrhundert zu konstruieren, das zwar das Gedächtnis trainiert und alle möglichen Kenntnisse in Naturwissenschaften und Fremdsprachen vermittelt, aber die Fantasiekräfte der jungen Menschen, ihre kreativen Gestaltungsenergien und ihren Ausdrucksdrang einfach brachliegen lässt...!
Dieser Meinung möchte sich die Verfasserin dieser Seiten anschließen und sie hofft einige Gedanken in Bewegung gesetzt zu haben!


Claudia Roser

 

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