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2. Warum lernen wir Latein?

G8:

Fachprofil der Klassischen Sprachen

Fachprofil des Faches Latein

G9: Fachprofil des Faches Latein

 

Bald braucht man keine, oder vielleicht nur noch rudimentäre Kenntnisse der lateinischen Sprache für diverse Studiengänge, wie zum Beispiel für ein Geschichtsstudium für das Lehramt. Dann stellt sich auch die Frage, wie man diese Kenntnisse nachweisen kann. Vielleicht mit der simplen Frage: Was bedeutet „Cui bono?“ A) „Meine Güte!“ B) „Wo ist der Knochen?“ oder C) „Wem nützt es?“

Wem nützt es, was bringt das, wofür brauche ich das? – das ist immer die Frage, wenn es um Latein geht. Dabei könnte man die Frage auch mal ganz unvoreingenommen stellen: Was verlieren wir, wenn wir diese Sprache aufgeben, eben nicht lernen?

An deutschen Gymnasien wird es in Zukunft immer mehr Sprachlehrer geben, die nie die lateinische Grammatik kennengelernt haben. Ein Historiker, der Caesar, Tacitus und die Skandalgeschichten des Sueton nur vom Hörensagen kennt, oder ein Philosoph, dem Ciceros de re publica zu schwer ist, ist so arm dran wie ein Sportlehrer, der seiner Klasse den Handstand beibringen will, obwohl er selbst nie im Leben eine Kerze hinbekommen hat. Genauso gilt auch: ein Schüler, der sich nie mit der lateinischen Grammatik, mit den Satzkonstruktionen auseinandergesetzt hat, ein Schüler, der sich nie mit Schriftstellern wie Caesar, Catull, Cicero oder Martial beschäftigt hat, entwickelt nur mit deutlich mehr Mühe und über Umwege etwas Wunderbares: Sprachgefühl, Stilsicherheit und die Fähigkeit, Texte wirklich zu durchdringen, deren Autoren die menschlichen Schwächen genauso gut kennen wie die seltenen Fälle von Heldenmut und sich als elegante Erzähler mit hintersinnigem Witz oder klugen Gedanken zeigen.

 

Was will ich mit dieser Sprache in unserem modernen, innovativen und technisierten 21. Jahrhundert? Hier sind einige Argumente, weshalb man bei einer Entscheidung für Latein keinerlei Bedenken zu haben braucht.

 

  1. Aussprache und Rechtschreibung der lateinischen Sprache sind problemlos. Die Wörter werden so gesprochen, wie sie geschrieben werden.
  2. Latein bietet nun etwas Neues, Andersartiges – wir müssen es nicht schreiben, nicht sprechen und können es auch nicht von Muttersprachlern hören. Latein ist das einzige Fach, das vom Zugriff auf die Sprache von der Methodik und auch von den Inhalten her Neues bietet.
  3. Die Übersichtlichkeit und die klare Struktur der Sprache kommen dem vielleicht auch nur unbewussten Verlangen nach klaren Regeln entgegen. Die Kinder fühlen sich sicher – die Sprache Latein ist nach einem Baukastenprinzip aufgebaut: Man erlernt die verschiedenen Grundkategorien und setzt nun mehr oder minder nach Belieben zusammen.
  4. Aufgrund der besonderen Struktur der lateinischen Sprache entwickeln die Schüler schon bald ein grammatikalisches Verständnis. Es werden Kategorien erlernt, die in vielen anderen Sprachen parallel verwendet werden. Den Schülern wird deutlich, wie Sprache überhaupt funktioniert. Latein entfaltet hier seine Funktion als Basissprache.
  5. Jede Lateinstunde ist daher gleichzeitig eine Deutschstunde. Die ständige Übersetzung lateinischer Texte ins Deutsche schärft die Ausdrucksfähigkeit in der Muttersprache enorm. Latein vertieft die Lesekompetenz und ist ein wertvolles Sprachtraining für die Muttersprache. Wie viele Schüler besitzen ein Handy und kommunizieren haupt-sächlich über SMS, Whatsapp oder ähnlichen Nachrichten-Apps? Der Lateinunterricht trägt dazu bei, die Sprachverarmung zu kompensieren, die eben dadurch verursacht wird.
  6. Die mit der Sprache vermittelten Inhalte sprechen die Kinder an, weil sie einerseits eben Gleichaltrige präsentieren, andererseits aber sich nicht in oberflächlichen Banali-täten verlieren. Die modernen Schulbücher bestehen nicht mehr aus einem endlos langen lateinischen Text, sondern erzählen die Geschichte von einer römischen Familie auf dem Land. Als Hauptakteure kommen Kinder bzw. Jugendliche im Alter Ihrer Kinder vor, die allerlei Abenteuer erleben.
  7. Latein vermittelt und trainiert grundlegende Kompetenzen, die in der heutigen Zeit gefordert sind: Genauigkeit, Kombinationsvermögen und Erfassen von Zusammenhängen. Wie Mathematik ist es auch ein Durchdringungs- und Übungsfach. Latein und Mathematik gelten in der Gymnasial-pädagogik als Äquivalente. Niemand käme auf die Idee, Kindern schon in der ersten Klasse Taschen-rechner in die Hand zu drücken, um ihnen das mühsame Erlernen der Grundrechenarten zu ersparen. Ähnlich verhält sich auch mit Latein: es muss erarbeitet werden, Wort für Wort, Satz für Satz, Text für Text, These für These. Latein vermittelt daher schier nebenher, was – auch wenn es altmodisch anmutet – heutzutage nachgerade unerlässlich ist: Disziplin und Ausdauer sowie methodisches und systematisches Vorgehen. Latein trainiert Fähigkeiten, die auch für andere Fächer, auch für Natur-wissenschaften wichtig sind. Latein kann deshalb als eine Vorschule wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens angesehen werden, da hier eben genau die Fähigkeiten trainiert werden.
  8. Latein ist eine verlässliche Grundlage für das Erlernen und Verstehen aller romanischen Sprachen.
  9. Latein ist auch der wichtigste Schlüssel zum Verständnis von Lehn- bzw. Fremdwörtern.
  10. Latein ist darüber hinaus zusammen mit dem Griechischen die Basissprache der Wissenschaften und der Technik. Die meisten Fachbegriffe lassen sich auf die beiden antiken Sprachen zurückführen.
  11. Latein vermittelt den Kindern Orientierungswissen, das sie gerade in unserer heutigen Welt unbedingt benötigen. Neben Wortschatz, Grammatik und Sprachgefühl bekommen die Kinder Einblicke in Mythologie, Geschichte, Philosophie, Rechtswesen und Politik. Dies trägt auch zur Persönlichkeitsent-wicklung

Wer in der Schule Ciceros Reden oder Schriften zur Rhetorik analysiert bekam, der kann bei Vorträgen flippiger Kommunikations- und Motivationstrainer nur müde lächeln. Warum können wir heute noch von Cicero erfahren, was einen guten Redner ausmacht und welche Möglichkeiten der Manipulation Politiker und Werbe-macher haben? Wie können wir durch Cäsars "Bellum Gallicum" imperialistische Tendenzen eines Landes entlarven?

Indem die Schüler mit den kulturellen und literarischen Werken der Römer vertraut gemacht werden, erkennen sie, dass sich die heutige Kultur nicht isoliert entwickelt hat, sondern eine lange Tradition hat. Wer sich mit Latein beschäftigt, lernt das Einmaleins europäischer Geistesgeschichte. Die Römer haben überall ihre Spuren hinterlassen, der bereits vorhandenen Kultur ihren Stempel aufgedrückt. Auf diese Weise haben sie die Fundamente unserer europäischen Kultur und Zivilisation gelegt.

Aber auch in anderen Bereichen unseres Lebens sind die Spuren ganz deutlich sichtbar:

Erinnert nicht die Allianzarena an ein antikes Gebäude, das eben demselben Zweck der Unterhaltung und dem Vergnügen – wohl in pervertierter Form – diente? Ähnliche Beispiele ließen sich in schier unendlicher Zahl noch nennen, wie das Washington Monument, das an den Obelisken, d.h. den Zeiger der riesigen Sonnenuhr des Augustus auf dem Marsfeld erinnert, das Weiße Haus oder der Petersdom als Nachbau des Pantheons. Erinnert sei auch an die Symbolik des Siegels des US-Senats: e pluribus unum oder auf der Ein-Dollar-Note.

 

Was also verlieren wir, wenn wir nicht Latein lernen? Wir verlieren einen Schatz, der unser Denken bereichert und unser Sprachgefühl steigert. Wir kappen einen Teil unserer historisch-kulturellen Wurzeln, um scheinbar freier für andere Wissensgebiete zu sein. Manchmal ist es besser, nicht den Weg des geringsten Widerstands zu gehen – Bildung ist nicht ohne Anstrengung zu haben, aber wer sie erworben hat, darf sich glücklich schätzen.

 

OStR M. Zeidler

Fachbetreuer Latein

 

 

Latinum im G8:

Für zahlreiche Studien- bzw. Promotionsstudiengänge werden an den Universitäten „Lateinkenntnisse“, „gesicherte Lateinkenntnisse “ oder das „ Latinum “ gefordert.

(weitere Infos unter http://www.altphilologenverband.de/index.php?option=com_content&view=article&id=29&Itemid=8

Einen Nachweis über Lateinkenntnisse erhalten FAG-Schüler, wenn sie im Jahreszeugnis der Jahrgangsstufe 8 mindestens die Note 4 erreicht haben.

Einen Nachweis über gesicherte Lateinkenntnisse = Kleines Latinum erhalten FAG-Schüler, wenn sie im Jahreszeugnis der Jahrgangsstufe 9 mindestens die Note 4 erreicht haben.

Einen Nachweis über das Latinum erhalten FAG-Schüler, wenn sie im Jahreszeugnis der Jahrgangsstufe 10 mindestens die Note 4 erreicht haben.

Der Nachweis erscheint sowohl im Jahreszeugnis der betreffenden Jahrgangsstufe als auch im Abiturzeugnis.

Schüler, die Latein nach der Jahrgangsstufe 9 ablegen oder die Jahrgangsstufe 10 an einer Auslandsschule verbringen, können das Latinum vorzeitig durch eine schulinterne Feststellungsprüfung am Ende der Jahrgangsstufe 9 erwerben.

 

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