Es ist Dienstagabend, eigentlich Zeit für den letzten Feinschliff für die Mathe-Schulaufgabe, aber wir hatten andere Pläne: Interessierte Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte aus den vier Deutsch-Kursen der 12. Jgst. trafen sich im Stadttheater Fürth, um eine Inszenierung von Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ anzusehen. Ganz ehrlich? Erst war die Begeisterung in den Kursen eher … überschaubar. Ein Lustspiel aus dem 18. Jahrhundert?
Schon beim Betreten des Theaters kam dieses besondere Gefühl auf – weg vom sterilen Klassenzimmer, rein in die magische Welt der Bühne. Der Stuck, die roten Samtsessel, die goldenen Kronleuchter, das gedimmte Licht: Das Fürther Stadttheater hat eine fesselnde Atmosphäre.
Als sich der Vorhang hob, war klar: Die Inszenierung war alles andere als verstaubt. Der Regisseur hat es geschafft, den alten Stoff modern und erstaunlich schülernah auf die Bühne zu bringen. Besonders der Dorfrichter Adam – dieser schmierige, durchtriebene Typ – wurde so überzeugend gespielt, dass man gar nicht anders konnte, als sich zwischen Fremdscham und Amüsement zu winden. Die Sprache, die im Unterricht oft so trocken wirkte, bekam plötzlich eine Dynamik, die einen mitgerissen hat.
Der Höhepunkt war Eves Auftritt am Schluss: Das junge Mädchen, das vorher nur am Rand eine Rolle spielte und stets im Schatten der anderen Figuren stand, ringt sich zum Bericht der Wahrheit durch – und der gerät zur fulminanten Anklage nicht nur ihrer Bezugspersonen, sondern vor allem des Dorfrichters, der seine Macht missbrauchte. Am Ende ist Eve eine junge Frau, die für sich einstehen kann.
Was unsere Schüler aber hoffentlich außerdem mitgenommen haben, ist die Erkenntnis, dass sich Literatur eben nicht (nur) in den Schulbüchern abspielt. Wenn man Kleists Text, der für das Theater geschrieben worden ist, live sieht, merkt man erst, wie zeitlos die behandelten Themen sind: männlicher Machtmissbrauch, Manipulation, die Suche nach der Wahrheit – das ist heute genau so aktuell wie damals.